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Jutta Blume: Revolutionsfußball

  266 S., € 14,90
Stuttgart 2004: Edition Noëma, ISBN 3-89821-399-4

„Sie hatte noch zu lernen, dass die Stadt ein gefährliches Pflaster für sie geworden war, da sie eine wichtige Waffe niedergelegt hatte: das Wort.“

Ein Kriminalfall ohne Verbrechen, eine Revolution ohne Revolutionäre, die Verselbständigung eines Fußballroboterteams, ein vollautomatisches Begräbnis und die Odyssee einer Urne und immer wieder die Sinnlosigkeit des gesprochenen Wortes – dies sind die Ereignisse oder Nicht-Ereignisse, in die sich eine junge Frau, ein einsamer alter Professor für empirische Sozialforschung in der Physik und leidenschaftlicher Fußballroboterbauer, ein 150prozentiger Kriminalkommissar, eine Privatdetektivin, die lieber Schriftstellerin geworden wäre und einige andere schräge Figuren verstrickt sehen. Alle sind sie auf ihre Weise isoliert, unverstanden von den anderen, obwohl einige viel zu viele der Worte machen.

Kurz nachdem Katrin Radke wissenschaftliche Mitarbeiterin des kauzigen Professors Farendorf wird, brennt die Baracke, in der sein Institut residiert, aus. Sowohl der Professor als auch die Mitarbeiterin verschwinden. Während er halbherzig vor seiner Trunksucht flieht, widmet sie sich in einer südspanischen Hippiekommune dem Schweigen. Doch die Vergangenheit holt Katrin Radke in Gestalt eines der Fußballroboter und des ermittelnden Kriminalkommissars ein, der zufällig in der Nähe seinen Urlaub verbringt.

„Man konnte nicht exakt sagen, dass er die Kneipe betrat, denn er bewegte sich auf Rollen vorwärts. Er sah nicht aus wie die Roboter, die man so aus Science-Fiction-Filmen kannte, die sich ein gewisses chromblitzendes menschliches Antlitz bewahrt hatten, was sie zu Sympathieträgern machte, man denke nur an den gutmütigen Trottel R2D2 oder seinen noblen Kollegen C3PO. Nein, dieser Roboter hatte, außer seiner offensichtlichen Improvisiertheit und seiner verrosteten Erscheinung ein entscheidendes Manko: seine Gesichtslosigkeit. Auch wenn seine Gestalt durchaus der menschlichen nachempfunden war, saß an der Stelle seines Kopfes nur ein blecherner Kubus, der ganz und gar nicht als Kopf durchgehen konnte, wusste man doch nicht, wo bei diesem Ding vorne und hinten sein sollte.“

Auf der nächsten Europameisterschaft im Roboterfußball verlässt den Professor der Glauben an seine Schützlinge, und er schifft sie auf einen Frachtkahn nach Südamerika ein. Im Dschungel Ecuadors erregen die plötzlich zum Leben erwachten Roboter viel Aufmerksamkeit und sind schließlich einer der Auslöser für revolutionäre Umbrüche in einer Gegend, die von Krieg, Kokainproduktion und Umweltverschmutzung durch die Erdölkonzerne gebeutelt ist.

In Berlin stehen die Ermittler vor der Nachbarwohnung der aus Spanien zurückgekehrten Katrin Radke Schlange. Hier wohnt ein auskunftsfreudiges Wesen, dass nichts über die Nachbarin weiß, aber gerne mehr in Erfahrung bringen würde. Am Ende wird die Schweigende für ein Verbrechen vor Gericht gestellt wird, das sie nicht begangen hat, von dem man nicht einmal weiß, ob es stattgefunden hat. Im Gerichtssaal kommt es zu einem Showdown von Absurditäten.

„Das lang ersehnte Urteil lautet: (Die Spannung steigt, werte Anwesende...) Freispruch. Zwar ist die Indizienlage überwältigend, doch hinsichtlich des Fehlens eines Verbrechens ist einfach nichts zu machen. Das Gericht weiß die Bemühungen des ermittelnden Kommissars, Herrn Richters, durchaus zu schätzen, die Beweise auch mit einem Verbrechen zu verknüpfen. Wann hat man schon einmal einen Fall mit so deutlichen Beweisen? Und dennoch, wenn das Verbrechen fehlt, nützen auch die schönsten Beweise nichts, so ist das nun einmal in unserem Rechtsstaat.“

Die Handlung bricht im Laufe der Ereignisse immer weiter auseinander. Es lässt sich nicht mehr genau sagen, ob ein bestimmtes Ereignis, sein genaues Gegenteil oder gar nichts stattgefunden hat. Wie die Realität, sind auch die Ereignisse absurd, ihre vielfältigen Wahrnehmungsweisen, die sich im Leben in unterschiedlichen Geschichten ein und desselben Geschehens spiegeln, fließen hier in eine Erzählung zusammen. Die Charaktere sind mal Parodien einer medial konstruierten Welt, mal ernsthaft fühlende und philosophierende Personen. „Revolutionsfußball“ kommt der Realität vielleicht näher als eine lineare Erzählung.
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