|
„Sie hatte
noch zu lernen, dass die Stadt ein gefährliches Pflaster für
sie geworden war, da sie eine wichtige Waffe niedergelegt hatte: das
Wort.“
Ein
Kriminalfall ohne Verbrechen, eine Revolution ohne Revolutionäre,
die Verselbständigung eines Fußballroboterteams, ein
vollautomatisches Begräbnis und die Odyssee einer Urne und immer
wieder die Sinnlosigkeit des gesprochenen Wortes – dies sind die
Ereignisse oder Nicht-Ereignisse, in die sich eine junge Frau, ein
einsamer alter Professor für empirische Sozialforschung in der
Physik und leidenschaftlicher Fußballroboterbauer, ein
150prozentiger Kriminalkommissar, eine Privatdetektivin, die lieber
Schriftstellerin geworden wäre und einige andere schräge
Figuren verstrickt sehen. Alle sind sie auf ihre Weise isoliert,
unverstanden von den anderen, obwohl einige viel zu viele der Worte
machen.
Kurz nachdem
Katrin Radke wissenschaftliche Mitarbeiterin des kauzigen Professors
Farendorf wird, brennt die Baracke, in der sein Institut residiert,
aus. Sowohl der Professor als auch die Mitarbeiterin verschwinden.
Während er halbherzig vor seiner Trunksucht flieht, widmet sie
sich in einer südspanischen Hippiekommune dem Schweigen. Doch die
Vergangenheit holt Katrin Radke in Gestalt eines der
Fußballroboter und des ermittelnden Kriminalkommissars ein, der
zufällig in der Nähe seinen Urlaub verbringt.
„Man konnte
nicht exakt sagen, dass er die Kneipe betrat, denn er bewegte sich auf
Rollen vorwärts. Er sah nicht aus wie die Roboter, die man so aus
Science-Fiction-Filmen kannte, die sich ein gewisses chromblitzendes
menschliches Antlitz bewahrt hatten, was sie zu Sympathieträgern
machte, man denke nur an den gutmütigen Trottel R2D2 oder seinen
noblen Kollegen C3PO. Nein, dieser Roboter hatte, außer seiner
offensichtlichen Improvisiertheit und seiner verrosteten Erscheinung
ein entscheidendes Manko: seine Gesichtslosigkeit. Auch wenn seine
Gestalt durchaus der menschlichen nachempfunden war, saß an der
Stelle seines Kopfes nur ein blecherner Kubus, der ganz und gar nicht
als Kopf durchgehen konnte, wusste man doch nicht, wo bei diesem Ding
vorne und hinten sein sollte.“
Auf der
nächsten Europameisterschaft im Roboterfußball verlässt
den Professor der Glauben an seine Schützlinge, und er schifft sie
auf einen Frachtkahn nach Südamerika ein. Im Dschungel Ecuadors
erregen die plötzlich zum Leben erwachten Roboter viel
Aufmerksamkeit und sind schließlich einer der Auslöser
für revolutionäre Umbrüche in einer Gegend, die von
Krieg, Kokainproduktion und Umweltverschmutzung durch die
Erdölkonzerne gebeutelt ist.
In Berlin
stehen die Ermittler vor der Nachbarwohnung der aus Spanien
zurückgekehrten Katrin Radke Schlange. Hier wohnt ein
auskunftsfreudiges Wesen, dass nichts über die Nachbarin
weiß, aber gerne mehr in Erfahrung bringen würde. Am Ende
wird die Schweigende für ein Verbrechen vor Gericht gestellt wird,
das sie nicht begangen hat, von dem man nicht einmal weiß, ob es
stattgefunden hat. Im Gerichtssaal kommt es zu einem Showdown von
Absurditäten.
„Das lang
ersehnte Urteil lautet: (Die Spannung steigt, werte Anwesende...)
Freispruch. Zwar ist die Indizienlage überwältigend, doch
hinsichtlich des Fehlens eines Verbrechens ist einfach nichts zu
machen. Das Gericht weiß die Bemühungen des ermittelnden
Kommissars, Herrn Richters, durchaus zu schätzen, die Beweise auch
mit einem Verbrechen zu verknüpfen. Wann hat man schon einmal
einen Fall mit so deutlichen Beweisen? Und dennoch, wenn das Verbrechen
fehlt, nützen auch die schönsten Beweise nichts, so ist das
nun einmal in unserem Rechtsstaat.“
Die Handlung
bricht im Laufe der Ereignisse immer weiter auseinander. Es lässt
sich nicht mehr genau sagen, ob ein bestimmtes Ereignis, sein genaues
Gegenteil oder gar nichts stattgefunden hat. Wie die Realität,
sind auch die Ereignisse absurd, ihre vielfältigen
Wahrnehmungsweisen, die sich im Leben in unterschiedlichen Geschichten
ein und desselben Geschehens spiegeln, fließen hier in eine
Erzählung zusammen. Die Charaktere sind mal Parodien einer medial
konstruierten Welt, mal ernsthaft fühlende und philosophierende
Personen. „Revolutionsfußball“ kommt der Realität vielleicht
näher als eine lineare Erzählung.
|